Da Tonminerale in allen Partikelgrößen in verschiedenen Anwendungen vorkommen, ist die mögliche Wirkung im Organismus ein wichtiges Thema. Wenn Nanoclays als Staubpartikel in die Lunge aufgenommen werden, können sie dort Entzündungen verursachen. Über andere Aufnahmewege (Magen-Darm oder Haut) haben sie kaum Effekte. In isolierten Zellen haben sie nur in sehr hohen Konzentrationen eine Wirkung. Wenn sie organisch modifiziert sind, können sie bei niedrigeren Konzentrationen wirksam sein.
Verteilung und Wirkung im Körper
Das Einatmen von Stäuben kann gesundheitsgefährdend sein. Dies gilt auch für Stäube aus Nanoclays. Sowohl für den Menschen als auch im Tierversuch konnte gezeigt werden, dass große Mengen an Nanoclays in der Lunge zu Entzündungen führen. Bei einer
Exposition über zwei bis vier Jahre gegenüber hohen Konzentrationen an Bentonit-Staub am Arbeitsplatz (8 bis 13 mg/m
3) konnte bei chinesischen Arbeitern eine DNA-schädigende Wirkung in Lungenzellen nachgewiesen werden . Auch wenn die Statistik in dieser Studie nicht gut ist, kann durchaus von einer solchen Wirkung ausgegangen werden, da Tonmineralien Anteile von kristallinem Quarz besitzen können. Quarz hat ebenfalls eine solche DNA-schädigende Wirkung
.
Schon 1993 wurden ähnliche Effekte in einer Studie an spanischen Arbeitern nachgewiesen. Allerdings wurde Sepiolith, ein faseriges Tonmineral, eingesetzt
. Dieses kann aufgrund seiner Faserform kritisch sein (siehe Querschnittstext
Faserstaub). Das gleiche Material wurde im Tierversuch an Ratten getestet. Dort kam es zu einer vorübergehenden
Entzündung in der Lunge, die aber nach einer Woche wieder abgeklungen war
. Weitere Effekte auf innere Organe wurden nicht nachgewiesen. Aber es bildeten sich
mehrkernige Riesenzellen aus (sogenannte giant cells), die unter anderem bei
Pneumokoniosen von Bedeutung sein können (siehe auch
Siliziumdioxid).
Weitere Studien, die Nanoclays in die Lunge von Mäusen und Ratten per
Instillation eingebracht haben, zeigten für Bentonit eine vergleichbare entzündungsauslösende Wirkung. Diese war ähnlich ausgeprägt wie bei einer Behandlung mit Quarz. Kaolin dagegen war in seiner entzündlichen Wirkung deutlich schwächer
.
Bei der Einhaltung des Grenzwertes für lungengängigen Staub am Arbeitsplatz ist nicht mit einer Gesundheitsgefährdung der Arbeitenden zu rechnen.
Tonminerale werden auch in Futtermitteln eingesetzt. Daher wurden die Aufnahme und Wirkung im Magen-Darm-Trakt an Mäusen und Ratten untersucht. Montmorillonit wurde in seiner puren Form oder nach organischer Modifizierung dem Futter in großen Mengen (1000 mg/kg Körpergewicht bei Ratten
und bis 5700 mg/kg Körpergewicht bei Mäusen beigemischt
. Anschließend wurde untersucht, ob es dort entzündliche Wirkungen geben könnte oder das Tonmineral in den Körper aufgenommen wird und andere Organe in Mitleidenschaft zieht. In beiden Studien konnten keine Schädigungen oder Entzündungen beobachtet werden, weder im Magen-Darm-Trakt selbst, noch in inneren Organen wie der Leber oder den Nieren.
Obwohl Tonminerale z.B. als Futtermittelzugabe eher positive Effekte besitzen, wird durchaus diskutiert, dass ihre Eigenschaft, bestimmte Ionen oder Stoffe mit flacher Molekülstruktur zu binden, dazu führt, dass die Tiere Mangelerscheinungen bei z.B. Spurenelementen oder Vitaminen zeigen
. Es muss somit darauf geachtet werden, dass im Futtermittel ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den zugesetzten Tonmineralen und den Spurenelementen oder Mikro-Nährstoffen besteht, damit ein solcher Mangel nicht auftreten kann.
Aufnahme und Wirkung in Zellen
Toxikologische Untersuchungen zu den Tonmineralen und Nanoclays in Zellkulturen wurden im Wesentlichen mit zwei repräsentativen Typen durchgeführt: den Bentoniten, zu denen auch das Montmorillonit gehört, und den Kaolinen, zu denen auch das Halloysit gehört. Da diese Stoffe (vor allem Bentonit/Montmorillonit) als Futtermittelzusatz zugelassen sind, aber auch in Lebensmittelverpackungsmaterial eingesetzt werden, ist es wichtig, deren Wirkung auf den Organismus zu verstehen.
Halloysit wurde in Leber- und Lungenzellen getestet. Halloysit-Röhrchen zwischen 200 nm und 1
Mikrometer Länge zeigten erst bei hohen Konzentrationen (50 – 100 µg/ml) und nach drei Tagen Behandlung eine
toxische Wirkung. Lungenzellen sind dabei etwas empfindlicher, aber auch erst nach mehrtägiger Behandlung mit 20 und 40 µg/cm
2. Die gleiche Gruppe untersuchte Kaolin auch noch an einer anderen Zelllinie der Lunge. Diese war jedoch wieder deutlich weniger empfindlich und zeigte erst bei 100 µg/ml und darüber nach fünf Tagen Behandlung erste zelltoxische Effekte. Diese Arbeiten deuten darauf hin, dass Kaolin nur gering
toxisch auf Zellen wirkt
.
Ähnlich sind die Ergebnisse für Bentonit bzw. Montmorillonit. Die acht qualitativ guten Studien der letzten zwei Jahrzehnte besagen im Wesentlichen, dass pures Bentonit/Montmorillonit kaum toxische Effekte in unterschiedlichen Zellen auslösen kann. Untersucht wurden Hautzellen, Leberzellen, Bindegewebszellen
Epithelzellen des Darms,
Endothelzellen der Nabelschnur und Makrophagen. Nur über 62,6 µg/ml oder weit darüber hinaus reagierten die Zellen im Versuch mit einem Verlust ihrer Vitalität nach einem oder mehreren Tagen Behandlungszeit. Diese Konzentrationen sind sehr hoch und werden am Arbeitsplatz nicht erreicht
.
Anders verhält es sich mit diesen Tonmineralen, wenn sie verändert werden. Durch Zugabe von Stickstoffverbindungen (in diesem Fall quartäre Ammoniumverbindungen) ändert sich das Verhalten und auch die Wirkung auf Zellen. Alle Studien, die pures Montmorillonit mit einer organisch veränderten Variante verglichen haben, kommen zum gleichen Schluss: organisch verändertes Tonmineral wirkt deutlich schädlicher auf die Zellen bei niedrigeren Konzentrationen. Jedoch sind die Konzentrationen bei diesen Varianten höher, als diese am Arbeitsplatz oder für den Verbraucher zu erwarten sind, so dass keine unmittelbare Gefährdung für den Menschen zu erkennen ist
.
Sowohl in Tier- als auch Zellkulturversuchen konnten keine besorgniserregenden Effekte für Clays oder Nanoclays festgestellt werden. Auch wenn die organisch modifizierten Nanoclays im Vergleich zu unveränderten Clays bei niedrigeren Konzentrationen eine schädliche Wirkung entfalten, sind die einsetzten Konzentrationen weitaus höher, als am Arbeitsplatz oder in Produkten für Verbraucher. Eine genotoxische Wirkung wird grundsätzlich ausgeschlossen, so dass diese Substanzen von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) als sicher eingestuft werden.
Weiterführende Informationen
- European Commission, Directorate-General for Health and Food Safety (2021). European Union register of feed additives pursuant to Regulation (EC) No 1831/2003. Appendix 4(II), annex II, : List of additives subject to the provisions of Art. 10 § 2 of Reg. (EC) No 1831/2003 for which no application for reevaluation was submitted before the deadline of 8 November 2010 (Released 11.01.2021), Publications Office, 2021, https://data.europa.eu/doi/10.2875/0296
- EFSA Panel on Additives and Products or Substances used in Animal Feed (FEEDAP), Bampidis, V., Azimonti, G., Bastos, M.L., Christensen, H., Dusemund, B., Kouba, M., Kos Durjava, M., Lopez-Alonso, M., et al. (2019). Efficacy of a preparation of algae interspaced bentonite as a feed additive for all animal species. EFSA J 17(2): e05604.
- EFSA Panel on Additives and Products or Substances used in Animal Feed (FEEDAP), Rychen, G., Aquilina, G., Azimonti, G., Bampidis, V., Bastos, M.L., Bories, G., Chesson, A., Cocconcelli, P.S., et al. (2017). Safety and efficacy of bentonite as a feed additive for all animal species. EFSA J 15(12): e05096.
- EFSA Panel on Food Contact Materials, Enzymes, Flavourings and Processing Aids (CEF), Silano, V., Bolognesi, C., Chipman, K., Cravedi, J.P., Engel, K.H., Fowler, P., Franz, R., Grob, K., et al. (2018). Safety assessment of the active substances carboxymethylcellulose, acetylated distarch phosphate, bentonite, boric acid and aluminium sulfate, for use in active food contact materials. EFSA J 16(2): e05121.